Spuren
des
Animalischen

URSUS

OLFACIENS

Reto Pulfer und
Sarah Ancelle Schönfeld

Bärenzwinger Berlin, Ursus Olfaciens

Bärenzwinger Berlin [BA Mitte]

Eröffnung

12.09.2017, 18 Uhr


Live Performance von

Eisklares Echo

[Mia von Matt und Reto Pulfer]

Ausstellungsdauer

13.09. – 29.10.2017

Mit einer Doppelausstellung von Reto Pulfer und Sarah Ancelle Schönfeld eröffnet der Bärenzwinger als neuer Ausstellungsort in Berlin-Mitte. Seite an Seite haben sich die Künstler*innen der ersten Ausstellung auf die Spurensuche an diesem geschichtsträchtigen Ort gemacht. Welche Spuren sind sichtbar, riechbar, hörbar, denkbar, fühlbar, seit die letzte Bärin Schnute vor fast zwei Jahren gestorben ist und eine tierische wie menschliche Abwesenheit im Bärenzwinger zurückgelassen hat? 

Der Ausstellungstitel verweist auf die vielleicht vergänglichste der vor Ort erlebbaren Spuren.
Ursus Olfaciens meint den vom Bären hinterlassenen Geruch, der ihm selbst noch nach seinem Tod Präsenz verleiht, und spielt gleichzeitig auf den ausgeprägten Geruchssinn des Tieres an, der ihm kontinuierlich von der Anwesenheit des Menschen gekündet haben muss.

Die abgekühlten, verlassenen Räume werden erhitzt. Die für ihr Arbeiten mit alchemistischen Prozessen bekannte Künstlerin Sarah Ancelle Schönfeld verwandelt den Ort Raum für Raum durch einen mit vorgefundenen Steinen beheizten Ofen in eine Sauna, sodass sich die Poren des alten Gemäuers, das mit seinen Eisengittern und Stahltüren an eine kleine beengte Festung erinnert, weit öffnen können. Erstarrtes, Betäubtes im Zwinger kann sich lösen, in Bewegung setzen, transformieren, entgiften. Kräuter und Beeren aus den von üppiger Vegetation zugewucherten Seitenflügeln der Außengehege und aus dem umliegenden Park verarbeitet Schönfeld zu einem ortsspezifischen Saunaaufguss und Tee, durch den die Besucher*innen die Essenz des Bärenzwingers feinstofflich aufnehmen und erfahren können. Neu hergestellte Verbindungen im Wassersystem des Bärenzwingers, an das Wärterräume, Tränkensystem der Bärenkäfige, Wasserbecken und Gräben der Gehege angeschlossen sind, schaffen einen experimentellen Brunnen.

Reto Pulfer verhängt das Oberlicht im zentralen Raum des Zwingerkomplexes mit einem transparenten Textil in Grün- und Blautönen. Der zusammengenähte Stoff zeigt eine Karte von Bern, Geburtsort des Künstlers und zugleich Herkunftsort von Urs und Vreni, dem ersten Bärenpaar, das als ein Geschenk der Stadt in den Berliner Bärenzwinger kam. Gleichzeitig kann das Tuch als eine astronomische Karte der Galaxien im Sternenbild Ursa Major gelesen werden. Es taucht den Raum in ein intimes grün-blaues Licht, der Blick wird ins Innere der Bärenkäfige und in die Wärterräume gelenkt. Strohhalme auf dem Boden, Staub und Spinnweben an den Wänden und Gitterstäben, Prankenkratzer an Türen und Luken, Bissspuren im Holz, ein im Jahr 2015 stehen gebliebener Wandkalender, ein totes Telefon – mit Taschenlampen können die Räume erforscht werden. Dabei wird man auch auf ein transparentes Objekt stoßen, etwa in der Größe einer ausgewachsenen Braunbärin, um das kein Weg herum führt.

Im einst als Besenkammer dienenden Raum entfaltet sich eine Installation, die Fragmente aus Pulfers Werk vereint: umhüllt von einer raumgreifenden immersiven Malerei hängen an durch traditionelle Knoten miteinander verbundenen Seilen selbst gebaute Instrumente, Raku-Keramik, im Zwinger vorgefundene Stromkabel, eine im rechten Freigehege samt Wurzeln ausgegrabene Brennnessel. Dieser rhizomatische Zustand wird in einer kleinformatigen Malerei aufgegriffen. Den im linken Freigehege wachsenden Brennnesseln hat Reto Pulfer mehr Platz zum Wachsen gegeben.

Der Klang eines Gongs läutet Abschied und Neuanfang ein. Beim Konzert von Eisklares Echo (Pulfer / von Matt) zur Eröffnung der Ausstellung sollen durch die Musik und durch den Lärm der Eisengitter die Spuren der Bären weitergeleitet werden.

Kuratiert von Nadia Pilchowski und Julia Heunemann.

Sarah ancelle Schönfeld

Sarah Ancelle Schönfeld (*1979 in Berlin) absolvierte im Jahr 2006 das Studium der Bildenden Kunst an der Universität der Künste Berlin. In ihren Arbeiten reflektiert sie Formen der Entstehung von Wissen, Macht und Wahrheit. Hierbei inkorporiert sie Methoden aus Naturwissenschaft, Religion, Archäologie oder Alchemie und setzt diese in unterschiedlichen Medien um, wie Fotografie, Print, Skulptur, Installation oder Performance. Sie zeigte ihre Arbeiten in zahlreichen Einzel- sowie Gruppenausstellungen, unter anderem in der Gildar Gallery (Denver, USA), Aether Project Space (Sofia, Bulgarien); Zabriskie Point Genf; Galleria Marso (Mexiko Stadt) und Goethe Institut St. Petersburg, ebenso wie in der Hamburger Kunsthalle, Hamburg; Hamburger Bahnhof, Berlin; Fotomuseum Winterthur Switzerland und Muzeum Ludwig, Budapest. Schönfeld war 2005 und 2008 Reisestipendiatin des DAAD, Resident in der Villa Aurora Los Angeles im Jahr 2011 und erhielt 2014 den FOAM Talents Award des Fotomuseums Amsterdam. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Gemeinsam mit Louis-Philippe Scoufaras (*1981 in Montreal), bildet Sarah Schönfeld das 2016 gegründete Duo PPKK. Ihre Zusammenarbeit verstehen die beiden als zwangloses nomadisches Lab auf der Suche danach, Quellen und Bedeutungen spezifischer Kontexte zu extrahieren.

Reto Pulfer

Reto Pulfer (*1981 in Bern) wohnt in Berlin. Seine raumgreifenden, immersiven Installationen aus Stoffen und gefundenem Material werden in Performances, Romanschriften, Musik und Malerei weitergeführt. Seit 2012 tritt er mit Mia von Matt als Eisklares Echo in improvisierten, mehrstündigen Musikperformances auf. Seine Monographie: ›Zustandskatalog: Catalog of States and Conditions‹ wurde 2017 von Sternberg Press publiziert im Rahmen von fünf Einzelausstellungen im Centre d’Art Contemporain Genève, dem Musée régional d’art contemporain Occitanie / Pyrénées-Méditerrannée, Sérignan, bei Spike Island, Bristol, im Centre international d’art et du paysage de l’île de Vassivière und im Fórum Eugénio de Almeida, Évora.

Eisklares Echo ist die Kollaboration von Mia von Matt und Reto Pulfer. Die Musik-Performances von EE sind Versuche der Transformation, sie stützen sich auf die Intimität von improvisiertem Timing. Mit Synthesizer, E-Gitarre, Kalimba, elektronischen Effekten und Worten kreiert das Duo ausgedehnte starke Soundscapes, die sich in minimale visuelle Magie einbetten. Seit 2012 spielen sie gemeinsam in Galerien und Clubs wie Dingum, Berlin, Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Swiss Institute, New York; Kosmos Theater, Vienna; Acud, Berlin.

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Fachbereich Kunst und Kultur

Dr. Ute Müller-Tischler [Fachbereichsleitung]

Julia Heunemann, Nadia Pilchowski, Sebastian Häger [Künstlerische Leitung]

Evelyn Gregel [Kommunikation]

Marie-Christin Lender [Educationprogramm]


Viktor Schmidt [Gestaltung]

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